Ein Sommermärchen: Jugendverkehrsschule Moabit

Vorspann:
Bis zu den Sommerferien haben Grundschulklassen in der Jugendverkehrsschule Moabit, Bremer Str. 10, vormittags geübt: das Fahrrad beherrschen, schnell aber auch langsam fahren, bremsen, Handzeichen geben, aufmerksam sein, Verkehrsregeln kennen und beachten, Vorsicht und Rücksicht praktizieren. Die begleitenden Lehrkräfte und Sozialpädagogen wurden dabei von Verkehrspolizisten unterstützt. Spielerisch und regelgerecht konnten die Kinder sich auf die Radfahrprüfung vorbereiten und sie vor der Polizei dort auch ablegen.

Jugendverkehrsschule Moabit, von der Bugenhagenstraße aus gesehen

Jugendverkehrsschule Moabit, von der Bugenhagenstraße aus gesehen,  Juni 2014

Das Märchen
beginnt nicht mit „Es war einmal …“, sondern mit:

Es kann sein,
dass in den Ferien die Jugendverkehrsschule fürs „Freie Fahren“ von Mo – Fr von 11 – 19 Uhr geöffnet ist, am Sonnabend von 13 – 18 Uhr!
In der Schulzeit kommen ja vormittags die angemeldeten Grundschulklassen und auch Kita-Gruppen.

Es kann sein,
dass anschließend am Nachmittag die JVS regelmäßig bis 18 Uhr geöffnet ist, auch am Sonnabend von 13 – 18 Uhr. Und das von März bis November.
Zwei Nachmittage (Montag und Dienstag) könnten für das Training zur Radfahrprüfung reserviert sein. An einem dieser Nachmittage ist auch die Polizei da und trainiert speziell für die Fahrpraxis außerhalb der Jugendverkehrsschule: „Fit für die Straße“ heißt dieses Programm.

Es kann sein:
Von Mittwoch bis Sonnabend Nachmittag ist „Freies Fahren“ angesagt. Da können jüngere Kinder mit ihren Eltern, ältere Grundschulkinder allein in die Jugendverkehrsschule kommen und beim Fahrrad- oder auch Kettcar-Fahren Spaß haben. Immer sind die Platz-BetreuerInnen da, die Fahrräder oder Kettcars aushändigen, die ein Auge auf die Verkehrsregeln haben und bei Problemen helfen, sollte es welche geben.

Es kann sei,
dass man auch einen außergewöhnlichen Kindergeburtstag dort in der Jugendverkehrsschule feiert………….

Ende des Märchens von der Jugendverkehrsschule Moabit.
Die märchenhaften Öffnungszeiten und Programmangebote habe ich von der JVS
Steglitz abgeschrieben, die diese Angebote tatsächlich macht.

Die Realität in Moabit sieht leider anders aus: Kein „freies Fahren“ am Nachmittag, keine Öffnung am Sonnabend, keine Öffnung während der Ferien, keine außerschulische Betreuung.

Es kommt aber noch schlimmer: zum Jahresende 2014 soll die JVS Moabit überhaupt geschlossen werden! Wo sollen die Grundschulkinder aus Moabit, Hansa- und Tiergartenviertel dann üben und die Radfahrprüfung ablegen? In der JVS Wedding oder auf dem Schulhof!

Denn der Bezirk Mitte möchte das Gelände der JVS Moabit und auch die Grünanlage an Bremer Straße und Bugenhagenstraße „abgeben“. Übertragenen an den Liegenschaftsfonds des Landes Berlin. Der verkauft das Gelände dann an einen oder mehrere Wohnungsbau-Investoren. Beschluss und Bebauungskonzept siehe hier.

Wohnungsbau genießt in Berlin zur Zeit politisch Priorität. Mit Wohnungsneubau soll auch der rasante Mietenanstieg gebremst werden. Obwohl bekannt ist, dass Wohnungsneubau den Mietenanstieg im Bestand nicht dämpft, der bei jedem Mieterwechsel stattfinden kann und die Vergleichsmieten in die Höhe treibt.

Zurück zur Jugendverkehrsschule: die bringt keine Einnahmen, kostet aber Unterhalt. Das ist aber nichts Besonderes. So ist das nun mal bei öffentlicher, sozialer Infrastruktur: wenn alle, unabhängig von ihrem Einkommen, eine öffentliche Einrichtung nutzen können sollen, dann muss sie öffentlich finanziert werden. Dann muss sie aber auch leicht erreichbar sein. Für Kita- und Grundschulkinder aus Moabit, Hansa- oder Tiergartenviertel ist eine JVS in Wedding zu weit weg, um dort am Nachmittag mit „freiem Fahren“ ihre Verkehrstüchtigkeit zu trainieren. Oder um „Fit für die Straße“ zu werden, durch zusätzliches Training mit der Verkehrspolizei.
Ob überhaupt Platz und Zeiträume in der Weddinger JVS frei wären für alle betroffenen Kinder aus Moabit und Umgebung,  ist die nächste Frage, die die Verantwortlichen im Bezirk Mitte anzusprechen vermeiden.

Da fällt mir ein neuer Märchenanfang ein:
Es war einmal eine Schulstadträtin, die war neu ins Amt gekommen. Sie arbeitete sich mit Elan in ihr Amt ein und schaffte ihr erstes Ziel, den Schulentwicklungsplan noch vor den Sommerferien vorzulegen. Bravo! Dann sah sie sich Entscheidungen ihres Amtvorgängers an und fand eine überhaupt nicht akzeptabel: für sie kam die Schließung der Jugendverkehrsschule in Moabit nicht in Frage. Das kann man doch nicht machen, in einem Bezirk, wo Kinder mehr als in anderen Bezirken Fahrradunfälle erleiden. Wo in vielen Familien, mit Migrationsgeschichte, Fahrradfahren nicht selbstverständlich ist. Wo viele Eltern ihren Kindern nicht das sichere und selbstbewusste Fahren mit dem Fahrrad beibringen können. Da muss man die Öffnungszeiten der Jugendverkehrschule ausweiten und einen erfahrenen, gemeinnützigen Träger finden, der die Schulen am Vormittag unterstützt und am Nachmittag und am Sonnabend ein verlockendes Übungsangebot für Grundschul- und Kita-Kinder bereithält! Berlin will doch Fahrradhauptstadt werden. Unterstützung fand sie auch beim Senator für Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr. Der hatte ja im Januar 2014 in seinem „Verkehrssicherheitsprogramm 2020“ vorgesehen, die Jugendverkehrsschulen zu stärken. Und im neuen „Stadtentwicklungsplan Wohnen 2025“ findet man die Beruhigung: kein Wohnungsneubau auf öffentlichen Freiflächen in Grünmangelgebieten.
So stellt während der Sommerferien die neue Schulstadträtin die Weichen für die
Bestandssicherung und Verbesserung der Jugendverkehrsschule Moabit in der
Bremer Straße!

Da die Sommerferien morgen erst beginnen, hoffe ich weiter,
Brigitte Nake-Mann, 8. Juli 14

Advertisements